Das Wetter ließ zu wünschen übrig. Es regnete nun schon die zweite Woche hintereinander. Ihren Urlaub hatte sich Linda anders vorgestellt: Sommer, Sonne, Baden. Stattdessen gab es Kälte, Regen, Kaminfeuer. Zum Glück hatte das kleine Haus, was sie an der schottischen Küste gemietet hatten, eine wundervolle Bibliothek zu bieten.

So machte Linda seit ein paar Tagen aus dieser Not eine Tugend. Sie warf sich jeden Morgen nach dem Aufwachen nur ihren Morgenmantel über den Pyjama, wanderte barfuß über den Gang bis zum Reich der Bücher und lies sich dort in den großen Ohrensessel fallen. Eine gesteppte Patchworkdecke aus Lammfellwolle und das Buch vom Abend warteten dort schon auf sie. Meist glimmte im Kamin auch noch ein Rest vom Vorabend und sie musste auf dem Weg zum Sessel nur ein paar Holzscheite nachlegen, damit es wieder zu knistern begann.

Mark war zu der Zeit meist schon mit Charlie die erste Runde laufen. Er liebte es vor Sonnenaufgang aufzustehen. Für ihn war es egal, ob er zu Hause oder im Urlaub war. Seine innere Uhr tickte nach seinem Rhythmus. Und diesem wollte er folgen. Außerdem hatte sich Charlie von klein auf angewöhnt, ihn mit seiner Hundeschnauze zu wecken. Die beiden war ein Herz und eine Seele. Wenn sich Charlie zwischen beiden entscheiden müsste, wäre Linda nur die zweite Wahl. Doch sie liebte Charlie genauso wie Mark, war er doch ihr Ersatz für den zerplatzten Kinderwunsch.

Auf einmal hörte sie, wie unten im Flur die Türen klapperten. Kurz darauf stand Charlie mit triefnassem Fell vor ihr und schüttelte sich.

„Oh nein Charlie, nicht hier. Geh runter. Hier nicht!“ rief sie und stupste ihn Richtung Tür.

„Mark, ruf ihn bitte zu dir“ rief sie nach unten.

„Möchtest du heute deinen Smoothie mit Spinat oder mit Sellerie?“ kam es von unten aus der Küche zurück.

„Bitte Mark, ruf Charlie zu dir“. Sie wandte sich nochmals zu Charlie, doch der hatte sich schon auf seinen Platz vor dem Kamin lang ausgestreckt hingelegt und schaute zufrieden zu ihr.

In Linda braute sich eine kleine Wutwolke zusammen. Jeden Tag war es dasselbe. Mark kam nach seiner Runde mit Charlie gutgelaunt zurück und dachte nur noch ans Essen. Seit sie sich auf vegane Ernährung umgestellt hatten, hielt er sich strickt an alle Ernährungsempfehlungen. Dabei vergaß er gerne mal alle Regeln der Hundeschule. Das war seitdem Lindas Aufgabe. Grummelnd stand sie auf, schloss ihren Morgenmantel und lief ins Bad, um ein Handtuch für Charlie zu holen. Auf dem Rückweg kam Mark gerade mit dem Frühstückstablett die Treppe nach oben. Sie sah zwei Gläser und daneben zwei leckere gefüllte Pfannkuchen. Der Duft der Pfannkuchen schob sich in ihre Nase.

„Schatz, du darfst wählen: Spinat oder Sellerie?“  Sein spitzbübisches Lächeln entwaffnete sie. Sofort war sie wieder seinem Charme erlegen. Sie wusste, was sie beide alles schon miteinander durchgemacht hatten. Was regte sie sich da über diese Kleinigkeit auf. Sie wusste, Mark liebte sie und trug sie auf Händen.

„Lass mich erst noch kurz Charlie versorgen und dann essen wir zusammen. Danke für das Frühstück machen. Das sieht wieder so was von lecker und gesund aus.“

Sie schob sich an ihm vorbei und ging zurück in die Bibliothek, wo Charlie immer noch träumend vor dem Kamin lag. Sie rubbelte sein Fell und murmelte: „Ach du bist schon unser bester liebster Charlie.“ Charlie antwortete ihr mit einem kurzen Brummen, gab ihr einen Hundekuss auf den Hals und ließ die Prozedur über sich ergehen.

 

Ein herzliches DANKE an Dina aus der The-Content-Society für die inspirierende „Wörterspende“.