Svenja schloss die Tür zu ihrem Laden auf. Nach der langen verkaufsfreien Zeit aufgrund des verordneten Lockdowns tat es ihr gut, wieder in den Rhythmus des Lebens zurückzukehren. Im Verkaufsraum stand immer noch die stickige Luft der monatelangen Schließung. Die neue Ware lag noch in Kisten verpackt im hinteren Raum. Sie musste dafür erst einmal Platz schaffen. Das Alte raus, das Neue rein. Doch es fiel ihr nicht leicht. In den letzten Monaten war viel in ihrem Umfeld passiert, auch das wollte erst einmal verdaut werden. Diese C-Zeit, wie Svenja sie immer nannte, hatte es in sich. Doch das ausgesprochene C-Wort war in ihrem Laden tabu. Wenigstens hier wollte sie einen schönen Raum schaffen, in dem die Sorgen und Nöte für eine kurze Zeit auch einmal draußen bleiben konnten.

Sie sicherte die Alarmanlage und platzierte den hüfthohen Gartenzwerg wie jeden Tag als Türstopper und Willkommensgruß am Türende. Den hatte sie von ihrem Vorbesitzer übernommen. In seiner offenen Hand hielt er für die hereintretenden Kunden ihre Visitenkarten bereit. Denn neben ihrem kleinen schöne-Dinge-Laden bot sie auch Massagen und Wanderungen bei Mondschein an. Vor allem die Wanderungen waren vor der C-Zeit oft schon lange im Voraus ausgebucht gewesen. Mit dieser Idee hatte sie eine Nische getroffen. Wanderungen bei Tageslicht gab es hier im Kurort viele. Doch sie hatte die Erfahrung gemacht, dass sich bei Nacht nicht viele Menschen in den Park oder umliegenden Lichtungen trauten. Dabei gab es gerade während dieser Zeit dort so viel zu entdecken. Kurzum beschloss sie, diese Wanderungen in ihr Programm aufzunehmen.

Sie ging durch die Hintertür in den Hausflur und öffnete den Briefkasten. Ein Abholschein der Post fiel ihr entgegen. Das müssten die Flyer für das Sommerfest sein, dachte sie. Nachdem im letzten Jahr das Fest C-bedingt ausgefallen war, sollte es dieses Jahr im August auf jeden Fall wieder stattfinden. Die Vorbereitungen liefen. Es wurde überall im Ort geprobt und auf dem Marktplatz nahm die Bühne immer mehr Form an. Das Sommerfest in ihrer Stadt war berühmt in dieser Gegend. Ein Treffpunkt für alle umliegenden Dörfer und Städtchen. Nach dem langen Abstandhalten freute sich dieses Jahr jeder darauf. Auch Svenja, denn sie hatte sich wieder für den Stand an ihrem Lieblingsplatz angemeldet. Der lag gleich neben dem ihrer Freundin, die auch dieses Jahr dort wieder ihren besonderen Liebestrank anbieten wollte. Sie braute diesen nach einem alten Rezept, was sie von einer weisen Alten auf einer ihrer Reisen in fernöstliche Regionen mitgebracht hatte. Selbst Svenja als ihre gute Freundin hat sie bis heute nicht die Inhaltsstoffe des Trunkes verraten. Doch jedes Jahr standen die Besucher Schlange an ihrem Stand, was sich auch auf den Umsatz von Svenjas Stand positiv ausgewirkte. Sie hoffte nicht nur auf einen guten Umsatz. Auch auf das Lachen mit ihrer Freundin, denn sie hatten sich in letzter Zeit nicht mehr so oft gesehen, wie früher.

Sie schloss die Hintertür und machte sich an die Arbeit. Als erstes wollte sie heute das Regal neben den Tüchern aus Afrika auf Vordermann bringen. Beim Anblick der silberpulvrigen Staubschicht auf den kleinen Buddhas und Figuren aus Speckstein zog sie die Augenbrauen hoch. Das wird dauern, dachte sie.
Wenn du fertig bist, wird es wieder ganz schön aussehen. Da war sie wieder: ihre Optimismusstimme aus dem Off.
Okay, Ärmel hoch und ran an die Arbeit. Ich hatte die letzten Wochen ja genug Zeit zum mich ausruhen.

 

Ein herzliches DANKE an Susanne aus der The-Content-Society für die inspirierende „Wörterspende“.