Merlin lehnte sich an den alten Baum in seinem Garten. Er war müde. Nicht nur, weil er in dieser Nacht kaum zum Schlafen gekommen war. Nein, auch weil er nun schon seit Stunden auf der Suche nach Freya war. Seine schwarze Katze hatte in der letzten Nacht im Hause so rumort, dass er sie kurzerhand irgendwann vor die Tür gesetzt hatte. Jetzt war sie weg. Nach so einem Rauswurf sah sie ihn meistens ein wenig fauchend an, dreht sich beleidigt um und ging ein wenig stromern. Doch am Morgen saß sie meist wieder an seinem Fenster und mauzte so lange, bis er ihr etwas Milch hinstellte. Doch jetzt war es schon fast Abend und sie war immer noch verschwunden. Merlin machte sich Sorgen. Das kannte er nicht von ihr. Bald würde es dunkel werden und der Wetterbericht im Radio hatte für die Nacht Gewitter vorhergesagt. Er wusste, Freya mochte kein Gewitter im Draußen. Sobald es anfing zu donnern, kroch sie unter seine Daunendecke und ward nicht mehr gesehen, bis sich die Blitze und der Donner wieder verzogen hatten. Er wollte sie unbedingt vorher finden.

Er ging ins Haus und zog sich die alten Gummistiefel über. Irgendwo musste sie ja sein. Er würde noch einmal eine große Runde drehen, vielleicht war sie irgendwo in eine Spalte gefallen oder war in eine der neu aufgestellten Fallen getreten. Seit der Gemeindeförster für den umliegenden Wald Ranger eingestellt hatte, war nichts mehr so wie früher. Das neue Waldwirtschaftskonzept wurde umgesetzt, egal ob es den Anwohnern gefiel. Im Waldkauz, der alten Dorfkneipe, wurde oft darüber diskutiert. Das neue Motto hieß: der Wald wird aufgeräumt. Merlin schüttelte dann nur den Kopf und murmelte: Natur bleibt Natur. Die räumt sich von selbst auf. Da sollten sich bürokratische Menschenhände raushalten. Er war schon als kleines Kind dort umhergetollt, hatten mit den Wichteln verstecke gespielt, Baumhöhlen gebaut, mit seinem Vater im Wald übernachtet. Er kannte seinen Wald in- und auswendig. Doch das war lange her. Sein Vater war nun schon lange tot, doch die Erinnerungen an die Erlebnisse mit ihn blieben in ihm lebendig. Für diese Erfahrung war er seinem Vater sehr dankbar. Wenn er heute die jungen Menschen mit ihren Handys auf der Straße beobachtete, war er oft irritiert. Er dachte sich dann: was die alles verpassen. Sie haben ihre Stöpsel mit lauter Musik im Ohr, hören nicht die Vögel, wie sie musizieren. Sie kennen nicht die Pflanzen ihrer Umgebung. Wissen nicht, ob sie essbar sind oder giftig. Sehen nicht das Wunder der Verwandlung, welches die Natur im Kreis der Jahreszeiten vollzieht.

Vor zwei Jahren hatte er der Gemeinde für die umliegenden Schulen ein Konzept für eine Projektwoche zum Thema „Im Wald lernen“ angeboten. Er wollte etwas tun, die Kinder wieder mehr vom Sein in der Natur begeistern. Doch der Direktor war davon nicht überzeugt. „Kann man doch alles bei Wikipedia nachlesen“, war seine Antwort. Kein Wunder, ist er doch ganz dicke mit dem Gemeindeförster befreundet.

Er verließ den Dorfweg Richtung Mühle. Sie lag schon lange still. Das Dach war schon löchrig, die Tür mit einem dicken Vorhängeschloss gesichert. Der Ort war ein beliebter Treffpunkt der Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern. Sie hockten dort unter dem Vordach des alten Hauses zusammen, aus ihren Bluetooth-Boxen dröhnten ihre Lieder. Hier störten sie keinen. Sie hatten dort ihr Bleiberecht.

Von weitem sah er einen schwarzen Fleck auf dem Brunnenrand. Er ging ein paar Schritte schneller.
„Da bist du ja, du kleine Ausreißerin“, rief er schon von weitem. Freya mauzte und sprang auf die Erde in seine Richtung. Ihr Fell war nass und sie sah ein wenig zerzaust aus. Wenn sie Menschensprache sprechen könnte, würde sie ihm bestimmt das tolle Abenteuer, das sie erlebt hatte, erzählen. Er hockte sich zu ihr nieder und sie sprang auf seinen Arm. Sofort kroch sie in seine offene Wolljacke und machte es sich in seiner warmen Armbeuge bequem. Merlin war glücklich. Ein Leben ohne seine Freya mochte er sich gar nicht vorstellen.

 

Ein herzliches DANKE an Veronika aus der The-Content-Society für die inspirierende „Wörterspende“.